Johannes Graf
Null Hurrikane Anfang August: El Niño legt den Atlantik lahm – mit Folgen für Europas Hitzeblockade
Mitten in der Hurrikansaison ist der Atlantik auffällig still: Zwei benannte Stürme, kein einziger Hurrikan – so ruhig begann eine Saison zuletzt 2009. Verantwortlich ist ein möglicherweise historisch starker El Niño. Für Mitteleuropa ist das keine reine Randnotiz, denn ausgerechnet Ex-Hurrikane knacken im Spätsommer oft blockierende Hochdruckgebiete.
Zwei Stürme, kein einziger Hurrikan
Auf der Namensliste stehen bislang nur Arthur aus dem Juni und Bertha von Mitte Juli. Bertha entstand im Golf, brachte von Louisiana bis Virginia teils kräftige Überflutungen, kam aber kaum über 95 Kilometer pro Stunde hinaus – die Windscherung zerriss den Sturm förmlich. Im Mittel der Jahre 1991 bis 2020 bringt eine Saison laut Deutschem Wetterdienst 14 benannte Stürme, sieben Hurrikane und drei schwere Hurrikane hervor. Der erste Hurrikan bildet sich im langjährigen Durchschnitt bereits um den 11. August.
El Niño dreht die Schere auf
Seit dem 11. Juni gilt El Niño offiziell als etabliert, und die US-Wetterbehörde NOAA sieht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er im Winter zu den stärksten Ereignissen seit 1950 zählt. Die Folge über dem Atlantik: eine vertikale Windscherung nahe Rekordniveau, die aufkeimende Wirbel geradezu köpft. Die Colorado State University senkte ihre Prognose im Juli auf neun benannte Stürme, vier Havarien davon als Hurrikan und nur einen schweren. Ganz anders der Ostpazifik: Dort liefen bis Mitte Juli schon fünf Systeme auf, bis zu 22 gelten als möglich.
Warum Deutschland mitliest
Der statistische Höhepunkt der Saison liegt erst um den 10. September. Biegt ein Wirbelsturm dann nach Norden auf den offenen Atlantik ab, überträgt er seine Energie auf den Jetstream, der ins Schlingern gerät – und solche Störungen können festsitzende Hochdruckblockaden über Europa aufbrechen. Bleibt der Atlantik ruhig, fällt dieser Störfaktor häufiger aus, und trocken-heiße Muster halten sich womöglich länger. Ein Automatismus ist das nicht: Blockierende Hochs sind zäh, und 2004 zeigte, dass aus einem lahmen Start noch eine der aktivsten Saisons werden kann.